Abgeordnetenhauswahl: So lief der Wahlkampf in Berlin
Endspurt zur Abgeordnetenhauswahl So lief der Wahlkampf in Berlin Stand: 19.09.2026 • 11:17 Uhr
Last-Minute-Spitzenkandidatenwechsel, Terroranschlag, Korruptions-Ermittlungen: Berlin hat einen außergewöhnlichen Wahlkampf erlebt. Nicht zuletzt deshalb ist das Rennen um Platz eins so eng wie nie.
Die richtig heiße Phase von Wahlkämpfen beginnt normalerweise, wenn die ersten Plakate hängen. In Berlin war das ab dem 2. August der Fall. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Hauptstadt allerdings schon viele Wochen hinter sich, die deutlich intensiver waren als der übliche Aufmarsch in Richtung Endspurt. Der Wahlkampf in Berlin war eröffnet, seit nach dem großen Stromausfall im Januar immer klarer wurde, dass der Regierende Bürgermeister und CDU-Spitzenkandidat Kai Wegner über sein Krisenmanagement gelogen hatte. Und dass dadurch nicht nur Wegner persönlich gefährlich angeschlagen war, sondern auch seine Partei.
Am 10. Juli werden dann die Karten im Wahlkampf neu gemischt: Kai Wegner zieht als Spitzenkandidat der CDU zurück. Seine Partei ist damals in den Meinungsumfragen im freien Fall, im BerlinTrend des rbb sogar auf Platz vier abgerutscht. Vorne liegt plötzlich die Linke, die wie keine andere Partei für ein Thema steht, das den Wählerinnen und Wählern in der Stadt am wichtigsten ist: Wohnen und Mieten.
Gut zwei Monate vor der Wahl den Spitzenkandidaten auszuwechseln, ist ein Risiko. Aber mit dem neuen Mann, Finanz- und Kultursenator Stefan Evers, hat die CDU auch eine neue Chance. Wenn er sich schnell genug bekannt macht und profiliert. Ein unvorhergesehenes Ereignis liefert Evers diese Chance.
Am 25. Juli fährt ein Islamist mit einem Auto in feiernde Menschen beim Christopher Street Day mitten in Berlin. Eine Frau stirbt, viele weitere Menschen werden schwer verletzt. Der Anschlag rückt das Thema innere Sicherheit kurzfristig stärker in den Wahlkampf-Fokus.
Ein Terroranschlag hätte ein Moment sein können, in dem der Wahlkampf innehält, aber es passiert das Gegenteil. Während sich die Grünen um einen gemeinsamen Solidaritätsauftritt der demokratischen Spitzenkandidaten bemühen, gibt Stefan Evers ein TV-Interview, das den Ton für die nächsten Wochen setzt. Umstrittene Äußerungen zum Terroranschlag aus dem Linken-Kreisverband Neukölln liefern ihm eine Steilvorlage.
Der CDU-Spitzenkandidat wirft der Linken mit Blick auf den Islamismus "Realitätsverweigerung" vor. Das sei aber nicht das einzige Problem der Partei, die es auch mit "zunehmendem Judenhass" zu tun habe. Evers hat sein Hauptthema für den Wahlkampf gefunden: den Kampf gegen Extremisten jeglicher Couleur und die Warnung vor der Linken als "Sicherheitsrisiko für die Hauptstadt".
Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp, die als erste Frau mit Migrationsgeschichte ins Rote Rathaus will, nimmt die Kampfansage an. Auch sie teilt hart aus: gegen eine CDU, die die Stadt spalte und lieber gierige Vermieter verhätschele als etwas gegen die Krise auf dem Wohnungsmarkt zu tun. Immer deutlicher kristallisiert sich ein Zweikampf um Platz eins heraus. CDU und Linke liegen seit Wochen Kopf an Kopf, zuletzt die Linkspartei knapp vorne.
Auch jenseits dieser beiden Parteien ist der Ton im Wahlkampf teils ruppig - und oft bleibt es nicht bei verbalen Angriffen. Die Berliner Polizei registriert in diesem Wahlkampf ungewöhnlich viele Fälle von Gewalt und Sachbeschädigung, etwa zerstörte Wahlplakate. 501 Vorfälle sind es seit dem 2. August. Vor fünf Jahren waren es 122.
Dass der Berliner Wahlkampf oft wie ein CDU-Linken-Zweikampf aussieht, liegt auch daran, dass zwei andere Mitbewerber weniger laut sind. Bei den Grünen ist es erklärte Strategie, zugespitzte Forderungen und öffentlichen Streit zu vermeiden. Zu unangenehm sind noch die Erinnerungen an vergangene Wahlkämpfe, wo Ärger um die autofreie Friedrichstraße oder die Ansage, die Hälfte aller Berliner Parkplätze streichen zu wollen, die Partei vermutlich Stimmen kostete.
Auch die AfD kommt in Berlin weniger auffällig daher als anderswo. Was zu einem Gutteil an Spitzenkandidatin Kristin Brinker liegt, die kein solcher Lautsprecher ist wie viele andere AfD-Frontleute. Hinter ihrem betont konservativ-gutbürgerlichen Auftreten steckt Strategie. Wer ein radikales Wahlprogramm mit freundlichem Lächeln verkauft, kann darauf hoffen, dass er neben frustrierten Nichtwählern auch enttäuschte Wählerinnen anderer Parteien abholen kann.
Elf Tage vor der Wahl erschüttert die Nachricht von Hausdurchsuchungen bei SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach und seiner Partei die Berliner Politik. Es geht um den Vorwurf, dass Krach in seiner Zeit als Regionspräsident in Hannover Insiderwissen über ein großes Immobiliengeschäft verraten und sich vielleicht sogar bestechen haben lassen soll. Krach weist alle Vorwürfe zurück, es gilt die Unschuldsvermutung. Aber für die ohnehin strauchelnde SPD, die in den Umfragen seit Monaten wie einzementiert auf Platz fünf liegt, ist das ein GAU.
Dieser treibt allerdings nicht nur die Sozialdemokraten um. Auch CDU, Linke und Grüne sind besorgt. Denn wenn die SPD richtig abstürzt, reicht es am Ende in Berlin vielleicht nicht mal mehr für eine Dreier-Regierungskoalition. Zweierbündnisse haben ausweislich der Umfragen schon seit Monaten keine Mehrheit mehr.
In der letzten BerlinTrend-Umfrage der ARD lagen zwischen den Parteien auf Platz 1 und Platz 4 gerade einmal fünf Prozentpunkte. Neben Linke und CDU können sich also auch noch AfD und Grüne Hoffnungen machen, am Sonntag als Erste durchs Ziel zu gehen. Kurz vor der Abstimmung scheint bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus noch alles drin zu sein. Für die Parteien heißt das noch mehr als in vorangegangenen Jahren: Wahlkampf machen bis zur letzten Minute.
Sendung: rbb24 Abendschau, 18.09.2026, 19:30 Uhr Video: rbb24 Abendschau, 18.09.2026, Laurence Thio/Jonas Wintermantel/Samira El Hattab im Gespräch mit Leonie Schwarzer


