AfD-Wahlerfolg in Sachsen-Anhalt: Steht die Kulturpolitik vor einem Kurswechsel?
Sachsen-Anhalt nach der Wahl Steht die Kulturpolitik vor einem Kurswechsel? Stand: 22.09.2026 • 13:06 Uhr
Der Wahlerfolg der AfD sorgt für Unruhe bei Kulturschaffenden in Sachsen-Anhalt. Sie fürchten Einschnitte für ihre Arbeit und bei Fördermitteln. Andere sehen Kultur gerade jetzt als Ort des Dialogs.
Nachdem die AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt stärkste Kraft geworden ist, herrscht in der Kulturszene eine Mischung aus Schock und Zweckoptimismus. Mehrere Verbände, Stiftungen und Kulturschaffende warnen vor einem politischen Kurswechsel.
Die AfD hat bereits in ihrem Wahlprogramm angekündigt, auf eine stärker national ausgerichtete Kulturpolitik setzen zu wollen. So fordert sie zum Beispiel, die bisherige Landeskampagne "moderndenken" durch ihre "#deutschdenken"-Kampagne zu ersetzen. Statt kulturelle Identität aus dem Dessauer Bauhaus zu ziehen, sollen Heinrich I., Otto I., Martin Luther, Bismarck und Nietzsche in den Vordergrund rücken.
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Manon Bursian, Leiterin der Kunststiftung Sachsen-Anhalt, blickt mit Sorge auf eine mögliche AfD-Regierung: "Sie haben klar erklärt, dass sie die Produktionsbedingungen von Kunst nicht akzeptieren, dass sie die Freiheit der Kunst nicht akzeptieren und dass sie unsere öffentlichen Bühnen beschneiden wollen", sagte sie dem MDR. Die Kulturschaffenden müssten sich nun zusammenschließen und gemeinsam reagieren - immerhin seien sie darin schon geübt.
Auch Maria Gebhardt vom Landeszentrum Freies Theater Sachsen-Anhalt befürchtet Veränderungen. Die Verbindung von Kultur und Schule könne geschwächt werden - besonders Angebote für Kinder und Jugendliche sieht sie bedroht. Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, Olaf Zimmermann, bezeichnete das Wahlergebnis als "wirkliche Zäsur für das ganze Land".
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Etwas optimistischere Stimmung herrscht in Bitterfeld-Wolfen. Dort läuft derzeit die dritte Ausgabe des OSTEN Festivals - unter anderem im ehemaligen Kraftwerk Zschornewitz und einem stillgelegten Jugendclub. Der Leiter des Festivals, Aljoscha Begrich, hofft, dass die politische Lage in Sachsen-Anhalt auch eine Chance für Theater und Kultur sein könne. Mit Blick auf die zunehmend polarisierte Gesellschaft im Land sagt er: "Wir können Räume schaffen, wo Menschen sich begegnen, wo Menschen eine andere Realität erfahren." In diesen Räumen könnten Menschen dem Hass entfliehen und ihren Mitmenschen direkt begegnen.
"Die Ränder werden extrem und in der Mitte bröckelt es", betont der Intendant der Händel-Festspiele in Halle, Florian Amort. Auch er sieht die Kultur als Beitrag, um wieder zusammenzufinden. Doch die langfristige Finanzierung der Händel-Festspiele ist offen. Für den Zeitraum 2028 bis 2032 müssten bald neue Verhandlungen aufgenommen werden - mit wem auch immer.
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Gerade diese längerfristigen Finanzierungsfragen könnten bald an Bedeutung gewinnen. So sagt zum Beispiel Folkert Uhde, Geschäftsführer der Köthener Bachfesttage, dass man kein Geld einer rechtsnationalen Landesregierung annehmen wolle - Bach und seine Kunst dürften nicht politisch instrumentalisiert werden. Im Fall eines möglichen Regierungswechsels müsse man sich nach Finanzierungsquellen außerhalb Sachsen-Anhalts umsehen.
Während sich der neugewählte Landtag mit der AfD als klar stärkster Kraft am 6. Oktober konstituieren wird, versucht die amtierende Landesregierung die Zeichen auf Kontinuität zu stellen. Direkt in der Woche nach der Wahl wurden neun Kultureinrichtungen ihre Förderbescheide für 2027 erteilt. Insgesamt geht es dabei um rund 5,5 Millionen Euro. Gefördert werden unter anderem der Museumsverband, der Landesmusikrat und das Landeszentrum Freies Theater.
Auch das Kurt Weill Fest in Dessau-Roßlau erhält langfristige Unterstützung. Das Land Sachsen-Anhalt hat dem Festival bis 2030 jährlich 250.000 Euro zugesagt. Der Namensgeber Kurt Weill musste 1933 als jüdischer Künstler vor den Nationalsozialisten in die USA emigrieren. Sein Werk steht damit stellvertretend für eine international geprägte deutsche Kulturgeschichte.
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Für Sachsen-Anhalt stellt sich nun eine kulturpolitische Grundsatzfrage, die über das Land hinausweist: Wie viel staatliche Kulturförderung soll an historische Identität und politische Leitbilder geknüpft sein - und wie viel Raum bleibt für eine offene, international geprägte Kulturlandschaft?
Die jüngsten Förderentscheidungen der amtierenden Landesregierung sollen ein Mindestmaß an Kontinuität liefern, während die AfD einen deutlichen Kurswechsel fordert. Welche dieser Linien künftig die Kulturpolitik Sachsen-Anhalts prägt, hängt maßgeblich davon ab, wer in der künftigen Landesregierung vertreten sein wird.
Dieses Thema im Programm: mdr.de | So reagiert die Kulturszene in Sachsen-Anhalt auf das Wahlergebnis | 08.09.2026 | 03:00 Uhr
