Apotheken sollen stärker zu medizinischen Dienstleistern werden
Medizinische Dienstleister Neue Aufgaben für die Apotheken Stand: 15.09.2026 • 13:39 Uhr
Apotheken stecken mitten in einem großen Wandel. Ein neues Gesetz will sie stärker in die Patientenversorgung einbinden. Sie sollen "Gesundheitslotsen" werden und mehr Kompetenzen bekommen. Ist das die Zukunft?
Auf den ersten Blick ist sie eine Apotheke wie alle anderen, die Vital Apotheke in Bad Saulgau. Vielleicht etwas heller, etwas schicker, frisch renoviert. Apotheker Martin Buck steht hinter der Theke, räumt Medikamente ins Regal - und weiß doch, dass in diesen Medikamenten allein nicht die Zukunft seiner Apotheke liegt. "Ich glaube, dass es mittelfristig überlebenswichtig sein wird, dass wir uns weitere Standbeine erschließen, denn allein durch das Arzneimittelgeschäft wird die Apotheke vermutlich nicht überleben können", sagt er.
Etwa 80 Prozent ihres Umsatzes erwirtschaftet die Vital Apotheke mit verschreibungspflichtigen Medikamenten. Der Rest kommt durch den Verkauf von rezeptfreien Selbstmedikationen zusammen, also durch Vitamine, Hustensäfte oder Schmerzmittel.
Pro und Contra zu mehr Befugnissen nach Apotheken-Reform Jenni Rieger, SWR, Mittagsmagazin, Das Erste, 15.09.2026 • 13:00 Uhr Das dritte, neue Standbein der Vital Apotheke erschließt sich erst auf den zweiten Blick: Zwei kleine Behandlungsräume schließen sich an den Verkaufsraum an. In einem sitzt Schwester Raphaele, eine Ordensschwester der Franziskanerinnen. Sie will heute ihren Vitamin-D-Spiegel bestimmen lassen, ein kleiner Pieks in den Finger, 15 Minuten warten, dann ist alles vorbei. "Die Wartezeiten beim Arzt sind lang, und wenn die Apotheken das leisten können, finde ich das voll in Ordnung", sagt sie.
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Dass Apotheken zunehmend zu medizinischen Dienstleistern werden können, diesen Weg hat das Anfang Juli in Kraft getretene "Gesetz zur Weiterentwicklung der Apothekenversorgung (ApoVWG)" geebnet. Es schreibt den Apotheken neue Kompetenzen zu. So sollen die Pharmazeuten künftig mehr impfen und auch bestimmte Schnelltests durchführen dürfen. Sie sollen vermehrt bei der Früherkennung von Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen unterstützen. Und sie dürfen unter strengen Bedingungen bestimmte verschreibungspflichtige Medikamente für Chroniker ohne neues Rezept abgeben, wenn ein Engpass - etwa übers Wochenende - besteht.
"Wir finden das eine Riesenchance", sagt Tatjana Buck, die mit ihrem Mann gemeinsam die Vital-Apotheke in Bad Saulgau betreibt. "Wir haben auch Kunden, die keinen Hausarzt mehr haben, und dann können wir zwar keine medizinische Diagnose stellen, aber wir können zumindest erste Leitplanken setzen, wo geht es hin für mich."
Als "Lotsen" würden sich Apothekerinnen und Apotheker seit jeher verstehen, sagt sie. Nun sei ihnen in dieser Funktion noch mehr Kompetenz und Handlungsspielraum gegeben worden.
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Natürlich gibt es auch Kritik. "Ärztliche Tätigkeiten gehören nicht in die Apotheke", hatte Klaus Reinhardt, der Präsident der Bundesärztekammer, bereits im Mai beim Beschluss des Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetzes gesagt. "Wer diagnostische und therapeutische Aufgaben übernimmt, muss dafür ausgebildet sein. Das ist eine Frage der Patientensicherheit."
Doch es geht um mehr, meint der Gesundheitsökonom David Matusiewicz. Denn Aufgaben abgeben, bedeute immer auch Vergütung abgeben. Generell müsse aber gelten. "Wir dürfen nicht den Fehler machen, das Gesundheitswesen aus Sicht der jeweiligen Akteure zu bewerten, sondern wir müssen gucken, wie die beste Versorgung sichergestellt wird", so Matusiewicz. "Natürlich finden die Ärzte das nicht gut. Wenn die einen mehr dürfen, haben die anderen immer Angst, ihre Aufgaben zu verlieren und damit auch Budget zu verlieren, also Geld zu verlieren. Aber wenn wir beispielsweise das Thema Impfen nehmen, da haben die Ärzte mittwochnachmittags geschlossen, die Apotheken haben auf. Die Ärzte haben samstags zu, die Apotheken haben auf. Also ich sehe das vor allem aus Patientensicht."
Auch Apothekerin Tatjana Buck will die Kritik der Ärztekammer nicht annehmen. Auch Ärzte könnten von guten Apothekern nur profitieren: "Wenn alle Menschen, die in die Apotheke kommen, gleich zum Arzt gehen, dann kollabiert das System. Wir haben schon immer eine Lotsenfunktion, wir können sie jetzt nur noch besser ausfüllen."
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Der finanzielle Gewinn halte sich bei den neuen Aufgaben darüber hinaus in Grenzen: Eine Blutdruckmessung in der Apotheke wird derzeit von den Kassen einmal im Jahr honoriert, mit 11,20 Euro - inklusive der gesamten Dokumentation. Die Vitamin-D-Messung bei Schwester Raphaele ist eine Selbstzahlerleistung, zwischen acht und 15 Euro bleiben davon bei der Apotheke hängen.
Aber genau hier, bei Dienstleistungen, die nicht medizinisch vorgeschrieben oder notwendig, sondern freiwillig sind, die der Vorbeugung oder der Lebensqualität dienen, sieht Gesundheitsökonom Matusiewicz großes Potenzial: "Das ist ein Riesenmarkt. Die Menschen wollen in Zukunft einfach lange gesund bleiben. Und das können sie auch tun, indem sie die Apotheke aufsuchen." Die Apotheken sieht er als "qualitätsadjustierte Tankstellen der Gesundheit", wo ein Akademiker aus dem Gesundheitswesen den Patienten aufkläre und sich Zeit für ihn nehme. "Und diese Betreuung kann er sich auch vergüten lassen, ähnlich wie die Ärzte das ja auch seit vielen Jahrzehnten machen mit den individuellen Gesundheitsleistungen."
Aber was wird eine Apotheke dann sein, in zehn, in zwanzig Jahren? "Sie wird ein Präventionsort sein", so Apothekerin Buck, "ein Ort, wo die Kunden sich impfen lassen, den Blutzucker messen lassen. Unser Ziel ist es, dafür zu sorgen, dass viele Menschen länger gesund leben können."
Dieses Thema im Programm: BR24 Radio | Nachrichten | 15.09.2026 | 06:38 UhrDas Erste | ARD-Mittagsmagazin | 15.09.2026 | 12:00 Uhr


