Ermittler nehmen Ex-BND-Chef Hanning fest
Eilmeldung Verdacht auf Spionage Ermittler nehmen Ex-BND-Chef Hanning fest Stand: 06.10.2026 • 10:06 Uhr
Ermittler haben Ex-BND-Präsident August Hanning festgenommen. Nach Recherchen von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung soll ihm ein Zuträger geheime Dokumente aus dem BND verschafft haben. Landeten die Informationen bei ausländischen Akteuren?
Im Bundesnachrichtendienst (BND) bahnt sich ein neuer Fall von Verrat an, der die Behörde erschüttern könnte. Nach Informationen von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung (SZ) ermittelt der Generalbundesanwalt gegen den früheren Präsidenten des BND, August Hanning, wegen mutmaßlicher landesverräterischer Ausspähung, Auskundschaften von Staatsgeheimnissen, versuchtem Landesverrat und geheimdienstlicher Agententätigkeit. Bei einem weiteren langjährigen Mitarbeiter des Dienstes geht es um Beihilfe zum versuchten Landesverrat und Beihilfe zur landesverräterischen Ausspähung. Eine Sprecherin der Bundesanwaltschaft wollte den Vorgang auf Anfrage zunächst nicht kommentieren und verwies auf eine Pressemitteilung später am Tag.
"Verdacht auf Agententätigkeit", Florian Flade, ARD Berlin, zur Festnahme von Ex-BND-Chef August Hanning tagesschau24, 06.10.2026 • 10:00 Uhr Nach Recherchen von WDR, NDR und SZ nahmen Ermittler des Bundeskriminalamts (BKA) Hanning am frühen Morgen in seinem Haus in Nordwalde bei Münster fest. In Bayern verhafteten Beamte einen weiteren ehemaligen, hochrangigen BND-Mitarbeiter: Manfred D. war demnach der ehemalige Büroleiter von Hanning und arbeitete bis Frühjahr 2026 im BND. D. soll Hanning bis mindestens 2022 gegen Geld mit streng geheimen Informationen aus dem Dienst versorgt haben. Die Ermittler gehen dem Verdacht nach, dass der inzwischen 80 Jahre alte Ex-BND-Chef daraus mindestens in einem Fall eine Sicherheitsanalyse für einen fremden Nachrichtendienst erstellt haben soll. Nach Informationen von WDR, NDR und SZ geht es dabei aber nicht um Russland.
In einem weiteren Fall soll Hanning Erkenntnisse aus den internen BND-Dokumenten in der Kommunikation mit einem ausländischen Agenten genutzt haben. Ins Visier geriet Hanning nach Angaben aus Sicherheitskreisen nach einer Durchsuchung seines Hauses und von Büros im September vergangenen Jahres: Damals war das Landeskriminalamt (LKA) Hamburg auf der Suche nach Beweismitteln im Entführungsfall Block.
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Die Staatsanwaltschaft Hamburg beschuldigt die Steak-House-Erbin Christina Block, Ende 2023 wegen eines Sorgerechtsstreits die Entführung ihrer zwei jüngsten Kinder in Auftrag gegeben zu haben. August Hanning soll laut Ermittlern in einen früheren Entführungsversuch der Kinder verwickelt sein, was er bestreitet. Bei der Auswertung des im vergangenen Jahr bei Hanning sichergestellten Materials sollen LKA-Beamte nach Informationen von WDR, NDR und SZ auf einen elektronischen Datenträger mit brisantem Inhalt gestoßen sein. Demnach habe der Ex-Beamte offenbar Zugriff auf streng geheime BND-Dokumente aus der jüngeren Vergangenheit, die er wohl unter keinen Umständen hätte besitzen dürfen. Hannings Dienstzeit beim BND endete im November 2005.
Insgesamt sollen um die 2.000 Dokumente von D. an Hanning weitergegeben worden sein. Vielfach waren es den Ermittlungen zufolge Briefings für die sogenannte ND-Lage im Kanzleramt, in der sich die Chefs der Sicherheitsbehörden wöchentlich austauschen. Bei den Unterlagen soll es sich laut Recherchen um äußerst sensible Berichte handeln, etwa zum iranischen Atomprogramm oder zur russischen Armee. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen sollen darunter auch Informationen ausländischer Partnerdienste sein. Ein Abfluss solchen Materials gilt unter Nachrichtendiensten als Super-Gau. Befreundete Geheimdienste könnten das Vertrauen in den BND verlieren und die Behörde von essentiellen Informationen abschneiden.
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Nach der Auswertung übergab das LKA Hamburg die sichergestellten Unterlagen den Bundesbehörden. Im Mai 2026 leitete die Bundesanwaltschaft schließlich ein verdecktes Verfahren gegen Hanning und seinen mutmaßlichen Zuträger im BND ein. Über welchen Zeitraum Hanning mit geheimen Interna versorgt worden sein soll, ist noch unklar. Die jüngsten aufgefundenen Dokumente sollen Sicherheitskreisen zufolge aus dem Juni 2022 stammen.
Offen ist zudem die Frage, wie der mutmaßliche Maulwurf beim BND das Material aus der abgesicherten Behörde heraus schaffte. Der BND wurde um kurzfristige Stellungnahme zum Fall gebeten. Rechtsanwälte von August Hanning ließen eine kurzfristige Anfrage zu den Vorwürfen bislang unbeantwortet.
Für den BND ist der Fall bereits der zweite schwerwiegende Vorfall innerhalb weniger Jahre. Zurzeit muss sich ein ehemaliger BND-Referatsleiter vor dem Berliner Kammergericht verantworten, der 2022 zusammen mit einem weiteren Beschuldigten für Russland spioniert haben soll. Damals ging es um streng geheime Erkenntnisse über Cyberoperationen des BND, die aus dem Dienst abgeflossen sind. Sollte sich der Verdacht gegen Hanning und den zweiten Beschuldigten bestätigen, wäre dies eine Geheimdienstaffäre von historischer Dimension. Noch nie gab es in der bundesdeutschen Geschichte einen mutmaßlichen Fall von Landesverrat, der einen so hochrangigen, ehemaligen Spitzenbeamten betraf.
In seiner Karriere arbeitete August Hanning über Jahrzehnte an Schlüsselpositionen der deutschen Sicherheitsarchitektur. Vor seiner Amtszeit als BND-Präsident war Hanning Geheimschutzbeauftragter an der westdeutschen Auslandsvertretung in der DDR. Nach Stationen im Kanzleramt, unter anderem als Koordinator der Nachrichtendienste des Bundes, übernahm der promovierte Jurist 1998 die Leitung des BND. Nach seiner Amtszeit beim Geheimdienst wechselte Hanning Ende 2005 als Staatssekretär ins Bundesinnenministerium. Vier Jahre später wurde er in den einstweiligen Ruhestand versetzt.
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In den Folgejahren machte Hanning als Unternehmer und Sicherheitsberater von sich reden. In einem umstrittenen Sicherheitskonzern mit Sitz in der Schweiz zählte er bis vergangenen Mai zum Führungspersonal. Die deutsche Tochtergesellschaft des Konzerns wurde zeitweise im Sorgerechtsstreit zwischen Christina Block und ihrem Ex-Mann angeheuert.
Dabei bedienten sich Hanning und ein Geschäftspartner, ein Ex-LKA-Beamter, offenbar auch dubioser Methoden: Laut Staatsanwaltschaft sollen die beiden im Jahr 2023 geplant haben, Blocks Ex-Mann "durch wahrheitswidrige Vorwürfe aus dem Bereich der Pädophilie zu diskreditieren". Demnach sollen Hanning und sein mutmaßlicher Komplize versucht haben, dem Vater von Blocks Kindern eine Festplatte mit kinderpornografischen Bildern und Videos unterzuschieben. Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen. Hanning hatte in der Vergangenheit sämtliche Vorwürfe im Fall Block zurückgewiesen.
Dieses Thema im Programm: ARD | tagesschau | 06.10.2026 | 20:00 Uhr


