Frankfurter Buchmesse: Shida Bazyar erhält Deutschen Buchpreis 2026
Roman "Die Lücken" Shida Bazyar erhält den Deutschen Buchpreis 2026 Stand: 05.10.2026 • 19:21 Uhr
Für "Die Lücken" hat Shida Bazyar in Frankfurt den Deutschen Buchpreis erhalten. In dem Roman verarbeitet die Autorin die NS-Geschichte ihres Geburtsorts im Hunsrück.
Es ist die begehrteste Auszeichnung für deutschsprachige Literatur – und im Kaisersaal des Römers ist am Abend verkündet worden, wer sie in diesem Jahr bekommt: Der Deutsche Buchpreis 2026 für den "Roman des Jahres" geht an Shida Bazyar für den Roman "Die Lücken" über die NS-Geschichte ihres Heimatortes im Hunsrück (Rheinland-Pfalz).
Das groß angelegte, vielschichtige Dorfporträt macht im Kleinen die großen Verwerfungen der deutschen Geschichte sichtbar - und das aus Erinnerungsperspektiven, die man so noch nicht gelesen hat. "Die Lücken" ist Bazyars dritter Roman, ein Buch, "das den Heimatroman neu definiert", so die Jury.
Der Preis bringt 25.000 Euro, einen großen Namen über Nacht und viel Aufmerksamkeit, auch auf der Buchmesse, die am Dienstag in Frankfurt eröffnet wird. Durchgesetzt hat sich das Buch gegen fünf Konkurrenten der Shortlist.
Mit eindringlichen Worten bedankte sich Bazyar für ihre Auszeichnung und betonte, es falle ihr nicht leicht, Freude über einen Preis zu empfinden, der ein Buch mit einer solch ernsten Thematik auszeichne. Und ernst seien die Zeiten auch heute.
"Antisemitische und rassistische Straftaten sind auf dem Höhepunkt. Keine Minderheit in Deutschland kann keine Angst haben." Bazyar ließ in ihrer Dankesrede Hannah Arendt für sich sprechen: "Das Problem ab 1933 war nicht, was unsere Feinde gemacht haben, sondern was unsere Freunde gemacht haben."
Shida Bazyars "Die Lücken" war im Vorfeld schon als mögliches Siegerbuch gehandelt worden. "Dieser Roman ist der ideale Buchpreisroman: ein Roman über Erinnerung und Kontinuitäten der deutschen Geschichte. Ein Roman, der in die Zeit passt, der ein klares Signal gegen die erinnerungspolitische Schlussstrichmentalität setzt, die immer wieder von ganz rechts gefordert wird", sagt hr-Literaturexperte Alf Mentzer.
Dabei gehe es nicht darum, die NS-Zeit aufzuarbeiten, sondern darum, wie dieses Geschehen untergründig bis heute – bis zu ausländerfeindlichen Anschlägen und rassistischer Ausgrenzungspropaganda – weiterwirke. "Vielstimmig, formal anspruchsvoll und gleichzeitig sehr zugänglich: Dieser Roman hat gute Chancen, auch den Buchhandel glücklich zu machen", so Mentzer.
Shida Bazyar wurde 1988 in der Kleinstadt Hermeskeil im Hunsrück (Rheinland-Pfalz) als Kind iranischer Eltern geboren. Ihre Eltern waren ein Jahr zuvor vor der Unterdrückung des Mullahregimes nach Deutschland geflohen.
"Die Lücken" spielt auch im Hunsrück, dort in dem fiktiven Ort Heimesbach. Der Roman legt die NS-Vergangenheit dieses Ortes Schicht für Schicht frei – besonders die Leerstellen, das Verdrängte, die titelgebenden Lücken. Es erzählt von jüdischen Nachbarn, die in den 1930er-Jahren verstoßen, deportiert und ermordet wurden. Es erzählt von Profiteuren des NS-Regimes und von der Ausgrenzung Fremder, die bis in die Gegenwart fortbesteht. Erfahrungen, die auch zwei iranischen Familien machen, die in den 1980er-Jahren nach Heimesbach kommen und ganz eigene Erfahrungen der Entwurzelung und Ausgrenzung haben.
Ganz am Ende des Buches wird deutlich, dass viele der Menschen in diesem Roman real gelebt haben und die Geschichte von Heimesbach die Geschichte von Shida Bazyars Heimatort Hermeskeil ist – aber eigentlich die Geschichte eines jeden deutschen Orts, in dem die Geschichte nie verschwunden ist, sondern unter der Oberfläche weiterexistiert hat.


