Freiwilliger Spritpreisdeckel - auch in Deutschland denkbar?
Analyse Kraftstoffpreise in Europa Wie sinnvoll ein freiwilliger Spritpreisdeckel ist Stand: 01.10.2026 • 06:51 Uhr
In Frankreich und Italien begrenzen große Mineralölkonzerne die Preise an ihren Tankstellen. Dafür verzichten sie auf einen Teil ihrer Gewinne. Könnten Konzerne in Deutschland das auch machen?
Die Spritpreise sind hoch. In Frankreich und Italien versuchen große Mineralölkonzerne deshalb, die Preise zumindest an ihren eigenen Tankstellen zu begrenzen. TotalEnergies in Frankreich setzt seit Monaten immer wieder eine Obergrenze. Sie liegt inzwischen bei 1,99 Euro pro Liter Benzin und 2,25 Euro für Diesel. Beim italienischen Energiekonzern Eni beträgt sie 1,99 Euro für Benzin und 2,19 Euro für Diesel. Die Maßnahme dort wurde am 28. September eingeführt und gilt zunächst für 30 Tage.
Für die Unternehmen kann sich das trotz geringerer Einnahmen an den Zapfsäulen lohnen. Denn große Mineralölkonzerne sind häufig nicht nur im Tankstellengeschäft aktiv, sondern betreiben auch Raffinerien und verkaufen Kraftstoffe im Großhandel.
"Die Konzerne wie Eni verdienen im Moment sehr viel an der Raffinerie, da sind die Margen relativ hoch", erklärt Tomaso Duso, Abteilungsleiter Unternehmen und Märkte am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und Vorsitzender der Monopolkommission, im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion. An der Tankstelle seien die Margen dagegen relativ klein. Die Konzerne könnten deshalb auf einen Teil davon verzichten und gleichzeitig von den hohen Margen im Raffineriegeschäft profitieren.
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TotalEnergies beziffert die Kosten des Preisdeckels bislang auf 250 bis 300 Millionen Euro. Zeitgleich stieg der Gewinn des Konzerns im ersten Halbjahr 2026 auf 11,2 Milliarden Euro. Eni teilte mit, dass die Maßnahme den Konzern schätzungsweise 100 Millionen Euro pro Monat kosten wird. Im ersten Halbjahr konnte Eni seinen bereinigten Nettogewinn im Vergleich zum Vorjahr jedoch kräftig um 43 Prozent auf über 3,6 Milliarden Euro steigern.
"Wenn überhaupt, kann man mit entgangenen Gewinnen rechnen, denke ich. Verluste werden die bestimmt nicht machen", sagt Thomas Puls, Verkehrsexperte am Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Er hält so eine Maßnahme zum einen für PR. "Der andere Punkt ist der, dass man sich natürlich auch erhofft, die Marktanteile zu steigern und auf dem Weg durch mehr Absatz eben einen Teil der entgangenen Gewinne wieder einzufahren", erklärt Puls.
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Hinter den Preisdeckeln in Frankreich und Italien steht auch staatlicher Druck. In Italien kommt hinzu: Eni ist ein staatlich kontrollierter Konzern. Das italienische Wirtschafts- und Finanzministerium und die staatliche Beteiligungsgesellschaft Cassa Depositi e Prestiti halten zusammen gut 33 Prozent der Eni-Aktien und üben laut Eni de facto die Kontrolle aus.
Gleichzeitig wird in Italien über eine neue Übergewinnsteuer für Energieunternehmen diskutiert. Beobachter werten die Preisdeckel von Eni und anderen Anbietern deshalb auch als möglichen Versuch, den politischen Druck und das Risiko einer solchen Steuer zu verringern. "In Italien und Frankreich steht hinter dem Deckel ein Deal mit der Regierung sozusagen. Also keine Übergewinnsteuer, keine anderen Preiseingriffe", so Duso. In Deutschland sei die Lage eine andere.
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In Deutschland sind die großen Mineralölkonzerne deutlich unabhängiger vom Staat, sagt Alexander von Gersdorff, Pressesprecher des Wirtschaftsverbands En2x, der die deutschen Raffinerien und Markentankstellen vertritt. "Diese anderen Gesellschaften mit Sitz in Paris, mit Sitz in Rom, haben vielleicht eine größere politische Nähe. Da finden vielleicht mehr Gespräche statt als bei uns." Bei uns herrsche dagegen reiner Wettbewerb und "auch eine, wie ich sagen möchte, positive Politikferne".
Und es gibt noch einen entscheidenden Unterschied: Die Struktur des deutschen Marktes. Hier konkurrieren rund 14.000 Tankstellen miteinander. Der größte Anbieter, Aral, hat nach Angaben von Gersdorff rund 15 Prozent Marktanteil. In Frankreich kommt TotalEnergies auf etwa 30 Prozent. "Wir haben hier in Deutschland, anders als in Frankreich und Italien, keinen nationalen Champion", sagt von Gersdorff. Der deutsche Markt sei stärker zersplittert. Es gebe Hunderte von Anbietern und da stelle sich die Frage: "Wer sollte dann überhaupt vorangehen?"
Der deutsche Tankstellenmarkt ist trotz vieler verschiedener Marken vergleichsweise stark auf einige große Betreiber konzentriert. Das geht aus Zahlen des Energie Informationsdienstes von 2025 hervor.
Auf Aral entfallen demnach fast 16 Prozent der Tankstellen in Deutschland, auf Shell mehr als 13 Prozent und auf Circle K/TotalEnergies rund acht Prozent. Dahinter folgen Esso mit ebenfalls gut acht Prozent sowie Avia und Jet mit jeweils rund sechs Prozent. Es folgen Raiffeisen mit fünf Prozent und Orlen/Star mit vier Prozent. Die acht größten Betreiber kommen damit zusammen auf etwa zwei Drittel des deutschen Tankstellennetzes.
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Grundsätzlich wäre ein freiwilliger Preisdeckel eines Mineralölkonzerns in Deutschland nicht ausgeschlossen. "Kartellrechtlich spricht nichts gegen einen eigenständigen Preisdeckel - im Gegenteil sogar. Das wäre wettbewerbsrechtlich eine feine Sache", teilte das Bundeskartellamt gegenüber der ARD-Finanzredaktion mit. Ein freiwilliger Deckel könnte den Preisdruck auf andere Wettbewerber steigern.
Für kleine Tankstellen könne das allerdings auch negative Auswirkungen haben. "Für die freie Tankstelle bedeutet das, dass sie auch mit den Preisen nach unten gehen muss, weil sonst keine Kunden bei denen vorbeikommen", sagt Duso. Für freie Tankstellen ist das allerdings schwieriger. Sie besitzen in der Regel keine eigenen Raffinerien und können mögliche Verluste an der Zapfsäule deshalb nicht mit Gewinnen aus einem anderen Teil des Geschäfts ausgleichen.
Gleichzeitig untersucht das Bundeskartellamt derzeit die Raffinerieebene. Dabei geht es um die Frage, ob marktmächtige Unternehmen die besondere Marktsituation ausgenutzt und Preise stärker angehoben haben als notwendig. "Die bereits seit Mai laufenden Verfahren zur Preisbildung auf der Raffinerieebene betreiben wir mit hoher Intensität", teilte Andreas Mundt, Präsident des Bundeskartellamts, mit.
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Unabhängig von der deutschen Marktstruktur bleibt die Frage, ob ein Preisdeckel das eigentliche Problem lösen würde. Denn Kraftstoff ist derzeit weltweit knapp - insbesondere Diesel. IW-Experte Thomas Puls sieht darin die zentrale Ursache für die hohen Preise: "Wir haben eine Unterversorgung im Markt auf weltweiter Ebene. Das ist das wirkliche Grundproblem."
Ein niedrigerer Verkaufspreis an einzelnen deutschen Tankstellen würde an dieser weltweiten Knappheit nichts ändern. Zudem könnte ein Preisdeckel die Nachfrage in Deutschland erhöhen. Ein Teil der Entlastung in Deutschland könnte damit zulasten anderer Märkte und der dortigen Verbraucher gehen.
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Duso und Puls sehen deshalb einen Preisdeckel - egal ob freiwillig oder staatlich geregelt - nicht als geeignete Antwort auf die hohen Kraftstoffpreise. Stattdessen plädieren sie dafür, die Menschen gezielt zu unterstützen, die besonders stark unter den gestiegenen Kosten leiden. Duso schlägt direkte Zahlungen an einkommensschwache Haushalte vor: "Die Lösung existiert. Nur die Regierung hat sich jetzt entschieden, die Spritpreise anzugehen, was eben in dieser Situation nicht das Richtige ist."
Puls argumentiert ähnlich und verweist darauf, dass insbesondere Menschen mit niedrigen Einkommen und hohen Fahrtkosten gezielt entlastet werden könnten. "Ich könnte zum Beispiel aus den Steuerunterlagen die Haushalte identifizieren, bei denen zwei Sachen zusammenkommen: mittleres bis geringes Einkommen und Anspruchnahme der Pendlerpauschale", so Puls. So könne man feststellen, wer einen hohen Teil seines Einkommens für Kraftstoffe ausgeben muss.
Dieses Thema im Programm: tagesschau.de | ARD-Börse: Freiwilliger Preisdeckel für Sprit - auch in Deutschland denkbar? | 30.09.2026 | 09:47 Uhr


