Jüdische Kulturvermittlung: Ein Bus gegen den Hass

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Koschere Gummibärchen, hebräische Schriften: Die Exponate der mobilen Ausstellung des Jüdischen Museums Berlin sind bunt gemischt. Und bringen Kultur ins Klassenzimmer.

Mobiles Museum Jüdische Kulturvermittlung per Bus Stand: 06.10.2026 • 16:50 Uhr

Koschere Gummibärchen, hebräische Schriften: Die Exponate der mobilen Ausstellung des Jüdischen Museums Berlin sind bunt gemischt. Und bringen Kultur ins Klassenzimmer.

Flache Holzkästen mit bunten Kissen stehen auf einem lila Teppich in der Theodor-Wuppermann-Schule in Leverkusen. Die Sechstklässler machen es sich bequem. Als Museumspädagoge Johannes Schwarz die Kisten öffnet, kommen unter anderem eine Kippa, ein Stolperstein und Gummibärchen zum Vorschein. "Hier ist unser geschrumpftes Museum", scherzt Schwarz.

Seit mehr als 15 Jahren besucht das Jüdische Museum Berlin Schulen in ganz Deutschland. Ziel des Programms "on.tour" ist es, Schülerinnen und Schülern Einblicke in jüdische Kultur zu geben, jüdisches Leben konkret erfahrbar zu machen. Fast 80.000 Jugendliche an über 600 Schulen hat das Museum derart erreicht. Kürzlich standen drei Städte in Nordrhein-Westfalen auf dem Tourplan: Bonn, Duisburg und Leverkusen.

"Wir haben sehr haptische Dinge: was zu schnuppern, zu schmecken. Wir haben auch koschere Gummibärchen, ergänzen das mit halalen Bärchen - vegane sind auch dabei", so Schwarz. Koscher und halal bezeichnen die jeweiligen religiösen Speisevorschriften von Judentum und Islam. Den Kindern ist es recht. Sie probieren alle Sorten und vergleichen den Geschmack.

Nicht nur Johannes Schwarz und sein "on.tour"-Team gestalten die mobile Ausstellung. Die Kinder dürfen Gegenstände von zu Hause mitbringen. Über diese Gegenstände kann das Team eine Gemeinsamkeit zwischen ihnen und den jüdischen Geschichten herstellen. Auch die Mitbringsel der Kinder kommen in eine der Glasvitrinen.

Das on.tour-Team des Jüdischen Museums Berlin bei einem Schulbesuch.

Etwa die goldenen Ohrringe, die Shahad hervorholt. Die Zwölfjährige hat den Schmuck von ihrer Großmutter geschenkt bekommen, als sie noch ein Baby war. Sie gehören zu den wenigen Dingen, die ihre Familie bei der Flucht aus dem Irak mitnehmen konnte. "Wir hatten Krieg da, meine Mutter hat alle Sachen schnell gepackt", erinnert sie sich.

Für viele Kinder in dieser Leverkusener Klasse ist Flucht kein abstrakter Begriff. Sie kennen Krieg und Vertreibung oft aus den Erzählungen von zu Hause. Ihre eigenen Familiengeschichten bieten Anknüpfungspunkte zu Themen wie Migration, Heimat und Verlust.

In den dreistündigen Workshops geht es um das Leben in Deutschland aus jüdischer Perspektive, um Antisemitismus, den Kampf gegen Vorurteile und Unwissenheit. Es geht aber auch allgemein um Werte der Demokratie. Und dazu gehört es auch, über Homophobie, Rassismus und Islamfeindlichkeit zu sprechen.

"Worte und Sprachen", "Rituale und Feste", "Orte und Migration" und andere Themen spiegeln sich in den mitgebrachten Gegenständen wider und bilden die Grundlage für die angebotenen Workshops. Historikerin Sarah Hiron ist die Projektleiterin von "on.tour". Ihr ist wichtig, dass bei den Workshops eine Atmosphäre herrscht, in der offen gesprochen und diskutiert wird. "Niemand wird verurteilt für das, was er sagt", so Hiron.

Ein Orden der Sowjetunion, Exponat aus dem Themenbereich "Orte & Migration".

Der damalige Gründungsdirektor des Jüdischen Museums in Berlin, W. Michael Blumenthal, hatte die Idee, dass jede Schülerin und jeder Schüler einmal im Leben das Jüdische Museum besuchen sollte. "Da nicht alle ins Jüdische Museum in Berlin kommen können, fahren wir eben in die Schulen", so Hiron.

Die bundesweiten Schulbesuche mit dem Tourbus seien immens wichtig, sagt Museumsdirektorin Hetty Berg. Gerade angesichts der jüngsten Wahlergebnisse und zunehmender antisemitischer Tendenzen seit dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023.

Eine aktuelle Untersuchung der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass in Deutschland bestimmte antisemitische Einstellungen gegenüber 2021 zugenommen haben. Besonders deutlich ist das bei der Übertragung israelischer Politik auf Juden insgesamt. 28 Prozent der Unter-40-Jährigen gaben an, durch Israels Politik würden ihnen "Juden immer unsympathischer". 2021 waren es 14 Prozent.

Hier setzt das Team der Vermittlerinnen und Vermittler an. Dazu gehören unter anderem Religionswissenschaftler oder Theaterpädagogen mit jüdischem Hintergrund. Dass sie den Schülerinnen und Schülern in deren vertrautem Umfeld begegnen, soll offene Gespräche erleichtern. Auch Fragen, die die Jugendlichen beschäftigen, sollen ohne Tabus angesprochen werden können.

Seit 15 Jahren besucht das "on.tour"-Team des Jüdischen Museums Berlin Schulklassen in ganz Deutschland.

Zumeist träfen die Vermittlerinnen und Vermittler auf neugierige oder zumindest neutral eingestellte Kinder. "Aber wir haben manchmal auch Klassen, da kommen wir in eine eisige Atmosphäre rein", so Hiron. "Die haben nicht so richtig Lust auf uns, wir müssen uns dann wirklich ziemlich anstrengen, ins Gespräch zu kommen." Häufiger komme es auch vor, dass das Thema Israel stark im Vordergrund stehe. Dann würden die Vermittlerinnen und Vermittler aufgefordert, sich zu positionieren: "Bist du für Israel oder bist du für Palästina?"

Von der Klasse in Leverkusen verabschiedet sich Johannes Schwarz mit lobenden Worten und einer Runde gemeinsamen Applaus. Ab dem 19. Oktober ist das mobile Museum in Baden-Württemberg unterwegs.

Dieses Thema im Programm: WDR 3 | Westart | 06.10.2026 | 12:10 Uhr

Original Source
https://www.tagesschau.de/kultur/antisemitismus-bus-juedisches-museum-berlin-100.html
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