Pflege in Schweden: So lange wie möglich zu Hause
Pflege in Schweden So lange wie möglich zu Hause Stand: 26.09.2026 • 17:29 Uhr
Schweden setzt bei der Altenpflege konsequent auf die Betreuung zu Hause. Ein gut ausgebauter Pflegedienst macht das möglich. Die Höhe des Eigenbeitrags ist begrenzt - doch Fachkräfte werden knapp.
Einmal am Tag klopft Pflegehelfer Hadi Hosseini an die Tür des kleinen roten Häuschens von Göte Lindström. Seit seiner Kindheit ist die Insel Harö in der schwedischen Gemeinde Värmdö sein Zuhause. Auch heute noch, mit 96 Jahren.
Hosseini hilft beim Abwasch, bringt den Müll raus und putzt das Bad. Denn solche Alltagstätigkeiten fallen Lindström inzwischen schwer. Er ist froh über die Hilfe, die die Kommune für ihn zu Hause organisiert. "Man darf keine zu hohen Ansprüche stellen, wenn man alt wird", sagt er. "Aber ich bin froh, dass ich hier noch so lange wohnen darf. Ich hoffe, dass ich bis zum Schluss hierbleiben kann."
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Dass ältere Menschen möglichst lange in den eigenen vier Wänden leben, ist ein Grundprinzip der schwedischen Altenpflege. Ein Platz im Pflegeheim kommt in der Regel erst dann infrage, wenn die Versorgung zu Hause nicht mehr ausreicht.
Um das zu ermöglichen, gibt es einen umfangreichen häuslichen Pflegedienst. Je nach Bedarf unterstützen Pflegekräfte etwa bei der Körperpflege, beim Anziehen oder Duschen, im Haushalt oder bei den Mahlzeiten.
Wie viel Hilfe jemand bekommt, werde individuell geprüft, erklärt Therese Malm, die beim Sozial- und Pflegeamt der Gemeinde Värmdö für die Altenpflege zuständig ist. "Ziel ist, dass die Menschen so lange wie möglich zu Hause bleiben können", sagt sie.
Auch mit 96 Jahren kann Göte Lindström noch zu Hause wohnen - auch, weil die Pflegekraft ihn daheim betreut.
Wie viel Pflegebedürftige für die Unterstützung zahlen müssen, hängt von ihrer persönlichen Situation ab. Landesweit gilt allerdings eine Obergrenze für den finanziellen Eigenanteil bei der häuslichen Pflege. Sie liegt bei maximal 2.660 Kronen im Monat, umgerechnet knapp 240 Euro. Manche zahlen weniger.
Denn bei der Berechnung werden Einkommen und Wohnkosten berücksichtigt. Zudem muss den Pflegebedürftigen ein festgelegter Betrag für ihre normalen Lebenshaltungskosten bleiben. "Häusliche Pflege soll für alle zugänglich sein, unabhängig davon, welche Rente sie beziehen und wie hoch ihr Einkommen ist", sagt Malm.
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Den größten Teil der tatsächlichen Kosten tragen die Pflegebedürftigen damit nicht selbst. Die Altenpflege werde in Schweden, egal ob im Heim oder zu Hause, zum größten Teil aus Steuergeldern finanziert, erklärt Anne Marie Boström, Dozentin für Pflegewissenschaft am Karolinska-Institut in Stockholm.
Hier liegt einer der wesentlichen Unterschiede zum deutschen System. Dort ist die Pflegeversicherung zuständig, die vor allem über Beiträge von Versicherten und Arbeitgebern finanziert wird.
Sie ist allerdings nur eine Teilversicherung: Die Leistungen sind gedeckelt, darüber hinausgehende Kosten müssen Pflegebedürftige selbst tragen. Dafür kann auch eigenes Vermögen eingesetzt werden.
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Wie oft der Pflegedienst vorbeikommt, richtet sich in Schweden nach dem individuellen Bedarf. Das kann auch mehrmals am Tag sein. Werden immer mehr Einsätze nötig, wird gemeinsam mit den Betroffenen geprüft, ob die Versorgung zu Hause noch ausreicht oder ob ein Pflegeheimplatz sinnvoller wäre.
Für die Kommunen ist die häusliche Versorgung deutlich günstiger als ein Platz im Pflegeheim. Und die meisten Pflegebedürftigen sind damit zufrieden.
In den jährlichen Befragungen der schwedischen Sozialbehörde äußern sich laut Boström in der Regel zwischen 80 und 90 Prozent der Teilnehmenden positiv über ihren häuslichen Pflegedienst. Das gelte sowohl für die Qualität der Pflege und anderer Leistungen wie der Reinigung als auch für den Umgang mit den Pflegebedürftigen.
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Doch das schwedische Modell steht ebenfalls vor Herausforderungen. Die Menschen leben länger, damit wächst auch der Bedarf an Pflege. Schon heute fällt es vielerorts schwer, genügend Beschäftigte zu finden.
"Das größte Problem ist, den Personalbedarf in der Altenpflege zu decken", sagt Pflegewissenschaftlerin Boström. Es gebe nicht mehr viele junge Menschen, die sich eine Zukunft in der Altenpflege vorstellen könnten.
Auch in Schweden gilt: Migranten wie Hadi Hosseini stellen einen wesentlichen Teil des Pflege- und Gesundheitssystems dar.
Hadi Hosseini hat sich bewusst für den Beruf entschieden. Der heute 26-Jährige kam vor elf Jahren als Flüchtling aus Afghanistan nach Schweden. Zunächst arbeitete er in der Gastronomie, dann ließ er sich zum Pflegehelfer ausbilden. Seit fünf Jahren ist er in der Altenpflege tätig. "Es bedeutet mir viel, dass ich den Menschen Freude bereiten und ihnen bei den Dingen helfen kann, die sie nicht mehr selbst schaffen", sagt er.
Der Arbeitsalltag könne allerdings auch stressig sein, erzählt Hosseini. Etwa dann, wenn einzelne Pflegebedürftige mehr Zeit benötigen als für den jeweiligen Besuch vorgesehen ist. Das sei besonders bei der Arbeit im Schärengarten schwierig.
Anders als auf dem Festland ist Hosseini hier nicht mit dem Auto unterwegs, sondern auf ein von der Kommune angemietetes Taxiboot angewiesen. "Da heißt es dann: schnell weiter zum nächsten. Wir haben das Boot zu bestimmten Zeiten gebucht und müssen es in der festgelegten Zeit schaffen."
Bei Göte Lindström auf Harö bleibt trotzdem fast immer Zeit für ein kleines Gespräch. Dass jeden Tag jemand vorbeikommt, freut den 96-Jährigen. Und solange es irgendwie geht, möchte er in seinem kleinen roten Haus wohnen bleiben. "Das ist mein Zuhause, schon mein gesamtes Leben lang."
Dieses Thema im Programm: tagesschau.de | Pflegebedürftig in Schweden: So lange wie möglich zu Hause | 25.09.2026 | 14:30 Uhr


