Sie wüten gegen Trump: Wie Deutschland in Kanada einen verlässlichen Partner findet - T-Online
Johann Wadephul landet in Ottawa: Kanada und Deutschland teilen die Sorge vor Donald Trump. (Quelle: Michael Kappeler/dpa)VorlesenAktuelle Zeit:0:00Gesamtdauer:0:001xTeilenDonald Trump treibt einen der engsten Verbündeten der USA in Richtung Europa. Für Deutschland eröffnet das neue Möglichkeiten – doch die Annäherung an Kanada könnte den Konflikt mit Washington weiter verschärfen.
Patrick Diekmann berichtet aus Ottawa in Kanada.
Es ist fast wie in einer anderen Welt, in der Außenminister Johann Wadephul am Donnerstagabend landet. In Ottawa scheint die Sonne, die kanadische Hauptstadt ist vergleichsweise ruhig, fast idyllisch. Ein Kontrast zum lauten und chaotischen New York, wo Wadephul in den vergangenen Tagen die UN-Generalversammlung besucht hatte. In Kanada scheint die Welt noch in Ordnung – zumindest aus europäischer Perspektive.
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Politisch ist Kanada allerdings wegen der USA in Aufruhr. US-Präsident Donald Trump spricht von Kanada als möglichem 51. US-Bundesstaat und führt einen erbitterten Zollstreit mit dem jahrzehntelangen Verbündeten. Im August scheiterten Handelsverhandlungen, anschließend traten zusätzliche US-Zölle auf kanadische Waren in Kraft. Ottawa reagierte mit Gegenzöllen.
Die Spannungen sind selbst im Alltag sichtbar. Als Wadephuls Delegation am Donnerstag durch Ottawa fährt, überholt sie einen dunklen Kombi. Auf dem Kofferraum klebt ein Aufkleber: "Fuck Trump". Der Fahrer steht sinnbildlich für eine Gesellschaft, in der die Enttäuschung über den großen Nachbarn tief sitzt. Selbst die Straße mit dem Namen "Trump Avenue" soll aus Ottawa verschwinden. Der Stadtrat beschloss einstimmig, sie umzubenennen – ein weiteres Zeichen, wie sehr sich Kanada aktuell von den USA abwendet.
"Fuck Trump"-Aufkleber: In Kanada sind viele wütend. (Quelle: Patrick Diekmann)Es ist eine Retourkutsche. Zuvor hatte der US-Präsident den Grenzsee zwischen den USA und Kanada Lake Ontario in "Lake America" umbenannt – in Kanada hat er noch seinen alte Namen. Auch hier lautet die Botschaft: Ottawa lässt sich von Washington nicht herumschubsen.
Kanada möchte sich möglichst schnell aus seiner einseitigen Abhängigkeit von den USA lösen. Deutschland und Europa sehen darin eine Chance. Denn Trump erreicht mit seinem Druck bislang etwas, das kaum im amerikanischen Interesse liegen dürfte: Einer der engsten Partner der Vereinigten Staaten sucht systematisch nach Alternativen zu Washington. Europa könnte davon wirtschaftlich und sicherheitspolitisch profitieren. Doch genau darin liegt auch das Risiko. Je enger Ottawa und Brüssel zusammenrücken, desto entschlossener könnte Trump versuchen, diese Annäherung zu verhindern.
Zumindest die kanadische und die deutsche Regierung möchten deshalb enger zusammenarbeiten. Als Wadephul am Abend in der Residenz des deutschen Botschafters die kanadische Außenministerin Anita Anand trifft, ist die Stimmung demonstrativ herzlich. Beide umarmen sich, halten sich an den Händen, lachen.
Ottawa: Wadephul und Anand bei der Feier zum Jubiläum der deutsch-kanadischen Freundschaft in der Residenz des deutschen Botschafters. (Quelle: Michael Kappeler/dpa)Natürlich gehört Freundlichkeit zu den Grundrechenarten der Diplomatie. Aber auch darüber hinaus verstehen sich der deutsche Außenminister und seine kanadische Amtskollegin sichtlich gut. Sie feiern 75 Jahre deutsch-kanadische Beziehungen, stechen ein Bierfass an. Ein Berliner DJ spielt Musik, serviert werden Wurst, Pommes, Sauerkraut und Döner.
Als Anand den deutschen Eishockeystar Tim Stützle sieht, ist ihre Begeisterung kaum zu übersehen. Der Stürmer der Ottawa Senators schenkt beiden Außenministern ein Trikot. Anand zieht ihres sofort an. Wadephul entdeckt daran das Preisschild und scherzt: "Ist das dein Preisschild?" Beide lachen.
Es ist ein leichter Moment auf einer Reise, bei der es eigentlich um schwere Fragen geht. Denn hinter der demonstrativen Harmonie steht eine strategische Neuorientierung.
Für Ottawa ist der Konflikt mit Washington existenziell. Es gibt wohl kaum zwei so hoch entwickelte Volkswirtschaften, die so eng miteinander verflochten sind wie Kanada und die Vereinigten Staaten. Lieferketten reichen über die Grenze, Produktionsprozesse sind auf beide Länder verteilt.
Jahrzehntelang war diese Integration eine Stärke. Unter Trump wird sie zur Verwundbarkeit. Die Folgen sind inzwischen messbar. Ende 2025 lagen Kanadas Warenexporte in die Vereinigten Staaten 11,1 Prozent niedriger als noch im März desselben Jahres. Einige Branchen trifft der Konflikt besonders hart: Die kanadischen Stahlexporte haben sich seit Einführung der US-Zölle etwa halbiert, die Holzausfuhren lagen Anfang 2026 rund 20 Prozent unter dem Durchschnitt von 2024.
Donald Trump: Der US-Präsident warnt die EU vor einer engeren Kooperation mit Kanada. (Quelle: Alex Brandon/ap)Und der Schaden reicht tiefer. Die kanadische Zentralbank geht davon aus, dass die Wirtschaftsleistung Ende 2026 rund 1,5 Prozent niedriger liegen wird, als sie vor Beginn der amerikanischen Zollpolitik Anfang 2025 erwartet hatte.
Denn das Kräfteverhältnis ist ungleich. Kanada braucht den amerikanischen Markt stärker als die USA den kanadischen. Trotzdem kündigte Premierminister Mark Carney nach der jüngsten Eskalation an, amerikanische Zölle "Dollar für Dollar" zu beantworten. Ottawa will deutlich machen, dass wirtschaftliche Abhängigkeit Washington kein Vetorecht über kanadische Entscheidungen geben soll.
Carney kennt allerdings die Grenzen dieser Haltung. Die jüngsten US-Zölle betreffen zwar rund fünf Prozent der kanadischen Warenexporte in die Vereinigten Staaten. Bleiben sie bestehen, könnten sie nach Einschätzung der kanadischen Zentralbank das Wirtschaftswachstum im vierten Quartal dennoch ungefähr halbieren – auf weniger als ein Prozent.
Geografie lässt sich eben nicht verändern. Jahrzehntelang gewachsene Lieferketten können nicht innerhalb weniger Monate umgeleitet werden. Der amerikanische Markt bleibt für Kanada von überragender Bedeutung. Ottawa sucht deshalb keinen Ersatz für die Vereinigten Staaten. Es sucht Luft zum Atmen.
Mark Carney: Der Premierminister Kanadas reagiert auf die Zölle von Donald Trump mit Gegenzöllen. (Archivfoto) (Quelle: Jeff Mcintosh/imago)Genau dort kommt die Europäische Union ins Spiel. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen brachte zuletzt eine Art assoziierte Mitgliedschaft Kanadas ins Gespräch. Wadephul zeigt sich in Ottawa stolz, dass Deutschland mit Blick auf die Integration von Kanada die "Nase vorn" hatte, erzählt er dem Eishockeyspieler Stützle auf der deutsch-kanadischen Feier.
In Kanada scheint man in jedem Fall für eine Vertiefung der Beziehung zu sein – Anand macht in einer Pressekonferenz am Freitag allerdings klar: "Kanada möchte nicht vollwertiges Mitglied der Europäischen Union werden." Stattdessen solle die Zusammenarbeit wirtschaftlich, sicherheitspolitisch und beim Austausch von Geheimdienstinformationen ausgebaut werden. Außerdem soll es nun einen regelmäßigen Austausch geben – zwischen den deutschen und den kanadischen Außen- und Verteidigungsministern.
Und das ist die zentrale Botschaft von Wadephul und Anand bei diesem Besuch: Deutschland und Kanada möchten die Ausweitung ihrer Beziehungen nicht einfach verkünden, sondern auch konkrete Schritte vorstellen.
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Einen solchen Status gibt es bislang in den EU-Verträgen nicht. Es gilt als eher unwahrscheinlich, dass sich Kanada Regularien unterwerfen würde. Carney reagierte dennoch offen und sprach von einer "Allianz für die Zukunft". Allein die Debatte zeigt, wie beide Seiten ihre Beziehungen grundsätzlich neu denken.
Beide Seiten denken über Handelspolitik hinaus. Kanada und die EU wollen bei kritischen Rohstoffen, Künstlicher Intelligenz, Rüstungsproduktion und in der Arktis enger zusammenarbeiten. Auch bei Energie, Forschung und Bildung gibt es zusätzliche Initiativen. Eine wirtschaftliche Grundlage existiert bereits. Seit dem vorläufigen Inkrafttreten des Freihandelsabkommens Ceta 2017 ist der Warenhandel zwischen Kanada und der EU nach Angaben der Deutschen Industrie- und Handelskammer um 76 Prozent gestiegen.
Für Deutschland sind vor allem zwei Felder interessant. Zum einen verfügt Kanada über Rohstoffe und Energie, die für Europas Industrie und die technologische Transformation wichtig sind. Zum anderen steigt auf beiden Seiten des Atlantiks der Bedarf an Verteidigungsgütern. Ottawa baut seine Streitkräfte aus, Berlin versucht gleichzeitig, die deutsche Rüstungsindustrie hochzufahren.
Kanada will zwölf neue U-Boote und stellt dafür im Gesamten etwa 100 Milliarden kanadische Dollar zur Verfügung. (Quelle: Ingrid Bulmer/dpa)Aus politischer Nähe könnte dadurch eine konkrete wirtschaftliche Arbeitsteilung entstehen. Das wäre für Deutschland besonders wertvoll, weil Kanada ein wirtschaftlich starker demokratischer Partner ist, der selbst ein Interesse an belastbaren europäischen Beziehungen hat. Genau das unterscheidet Ottawa von vielen Staaten, um deren Rohstoffe und Märkte Europa derzeit wirbt.
Dass die Neuorientierung Kanadas nicht allein wirtschaftliche Gründe hat, zeigt eine bemerkenswerte Aussage Carneys. Der Premier ließ nach eigenen Angaben untersuchen, welche Folgen ein militärisches Vorgehen der Vereinigten Staaten gegen Kanada hätte. Carney betonte ausdrücklich, dass er ein solches Szenario für äußerst unwahrscheinlich hält. Er sprach von einem extremen Restrisiko, das eine Regierung trotzdem berücksichtigen müsse.
Kanada bereitet sich also nicht auf einen Krieg mit den Vereinigten Staaten vor. Bemerkenswert ist vielmehr, dass der Regierungschef eines Nato-Landes überhaupt öffentlich darüber spricht, einen möglichen Angriff des wichtigsten Nato-Staates geprüft zu haben. Noch vor wenigen Jahren wäre eine solche Debatte kaum vorstellbar gewesen.
Carney bei dem Besuch von Wolodymyr Selenskyj in Kanada: Auch Ottawa unterstützt die Ukraine in ihrem Kampf gegen Russland. (Quelle: Jeff McIntosh/dpa)Die Unsicherheit durch Trump erreicht inzwischen auch die Rüstungspolitik. Kanadas Regierung überprüft den geplanten Kauf amerikanischer F-35-Kampfjets und sucht nach Alternativen. An den ersten bestellten Maschinen hält man bislang fest. Damit bekommt eine Beschaffungsentscheidung plötzlich strategische Bedeutung: Wer Waffen liefert, schafft über Jahrzehnte technische und politische Bindungen.
Für Deutschland eröffnet auch das Möglichkeiten. Wadephul trifft in Ottawa auch den kanadischen Verteidigungsminister David McGuinty. Kanada hat den deutschen U-Boot-Bauer TKMS bereits als bevorzugten Lieferanten für seine neue Flotte ausgewählt. Nun wird über den endgültigen Vertrag für bis zu zwölf U-Boote verhandelt – für deutsche Unternehmen geht es dementsprechend auch um viel Geld. Vor allem die Bundesregierung feiert diesen Deal umfassend und Wadephul lädt am Freitag die kanadische Außenministerin in seinen Wahlkreis ein, wo Teile der U-Boote gebaut werden.
Trotzdem kann Berlin mit Blick auf Washington den kanadischen Kurs nicht einfach kopieren. Deutschlands Verhältnis zu den USA ist anders gelagert. Die Vereinigten Staaten bleiben für die europäische Sicherheit zentral. Das gilt für die Nato, die Abschreckung gegenüber Russland und die Unterstützung der Ukraine. Kanada kann deshalb zusätzliche Fähigkeiten und Partnerschaften bieten, die amerikanische Militärmacht für Europa aber nicht ersetzen.
Das zwingt die Bundesregierung zu einem schwierigen Balanceakt. Berlin muss eigene Fähigkeiten aufbauen, ohne genau in dem Moment einen Bruch mit Washington zu riskieren, in dem Europa militärisch noch auf die USA angewiesen ist. Wadephul wirbt auf der Pressekonferenz am Freitag für eine Ausweitung der Beziehungen mit Kanada, weil Europa und Kanada ein gemeinsames Wertefundament sowie gemeinsame Interessen hätten, sowohl wirtschaftlich als auch mit Blick auf die transatlantische Sicherheit. "Kanada kann sich auf Deutschland verlassen. Uns verbinden aber so starke Werte und gemeinsame Interessen mit kaum einem anderen Land außerhalb der Europäischen Union", sagt Wadephul. Der regelmäßige strategische Dialog zwischen beiden Ländern sei eine "gute und neue Institution, die wir schaffen sollten", die unterstreiche: "Wir bleiben am Ball."
US-Präsident Donald Trump und Bundeskanzler Friedrich Merz am 3. März 2026 im Oval Office des Weißen Hauses: Auch Berlin hat Probleme im Umgang mit der US-Regierung. (Quelle: Jonathan Ernst)Trump macht diesen Weg komplizierter. Auf die geplante Annäherung zwischen Kanada und der EU reagierte er bereits mit einer Drohung. Von der Leyens Vorstoß nannte er "lächerlich". Sollte er die Zusammenarbeit als "feindseligen Akt" betrachten, stellte er sehr hohe Zölle oder Einschränkungen des Handels mit Europa in Aussicht.
Es ist ein Problem, das sich nicht nur auf die kanadisch-amerikanischen Beziehungen beschränkt. Washington verbindet die außenpolitischen Entscheidungen seiner Partner zunehmend mit wirtschaftlichen Konsequenzen. Für Deutschland wird daraus eine Machtfrage: Wie frei kann Berlin außenpolitisch handeln, solange wichtige wirtschaftliche und militärische Hebel in Washington liegen?
Kanadas Vorgehen zeigt, wie teuer eine Antwort darauf werden kann. Die amerikanischen Zölle treffen kanadische Unternehmen. Gegenzölle verteuern wiederum amerikanische Produkte im eigenen Land. Neue Lieferketten müssen aufgebaut, neue Märkte erschlossen und militärische Fähigkeiten erweitert werden. Weil Kanada wirtschaftlich stärker von den USA abhängt als umgekehrt, trägt Ottawa dabei das größere Risiko.
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Politische Souveränität entsteht deshalb nicht durch eine Rede im Parlament oder einen neuen Vertrag auf einem Gipfel. Sie entsteht dort, wo Staaten bereit sind, für Handlungsspielraum Geld auszugeben und kurzfristige Nachteile auszuhalten.
Für Deutschland ist genau dieser Punkt entscheidend. Denn jahrelang wurde wirtschaftliche Effizienz häufig höher bewertet als geopolitische Widerstandsfähigkeit. Enge Lieferketten und Abhängigkeiten waren attraktiv, solange die politischen Rahmenbedingungen stabil blieben. Diese Rechnung verändert sich. Im Oktober folgt deshalb ein wichtiger Test. Dann wollen Kanada und die Europäische Union bei einem Gipfel in Montreal festlegen, wie ihre neue Partnerschaft konkret aussehen soll.
Bei Bier, Döner und mit Eishockeytrikots lässt sich eine Freundschaft leicht feiern. Wie belastbar sie geopolitisch ist, zeigt sich erst, wenn aus Nähe weitere politische Kosten entstehen.
