Vom Aschenputtel zum Volksauto: Benz Patent-Motorwagen und Daimler Motorkutsche - geboren 1886
Wer hat es erfunden, das Auto? Viele erheben darauf Anspruch, aber: Das erste Patent für ein Fahrzeug mit Gasmotorenantrieb beantragte 1886 Carl Benz, und auch Gottlieb Daimler präsentierte vor 140 Jahren eine Motorkutsche. Pioniere, die den Fortschritt in Fahrt brachten – nachdem eine Frau das Automobil popularisierte.
Heute wird es geliebt, gebraucht und gehasst wie kein anderes Fortbewegungsmittel, und doch verlief die Erfindung des Automobils mit Verbrennungsmotor von der Öffentlichkeit fast unbemerkt: Am 29. Januar 1886 meldete der Mannheimer Ingenieur Carl Benz ein "Fahrzeug mit Gasmotorenbetrieb" beim kaiserlichen Patentamt in Berlin an. Erfolgreich, wie das später bewilligte Patent mit der Nummer DRP 37435 dem Fahrrad-ähnlichen dreirädrigen Velociped mit Viertakt-Einzylinder attestierte.
Ebenfalls 1886 installierte im schwäbischen Cannstatt der Konstrukteur Gottlieb Daimler einen zusammen mit Wilhelm Maybach entwickelten, schnell laufenden Benzinmotor in eine vierrädrige Kutsche - eine weitere Pionierleistung, nachdem Daimler bereits 1885 den Motor-Reitwagen als erstes Motorrad präsentiert hatte. Trotzdem: Die Welt nahm von diesen revolutionären Entwicklungen - die Patentschrift des Carl Benz zählt ebenso wie die Gutenberg-Bibel zum Unesco-Weltdokumentenerbe - zunächst kaum Notiz.
Damit erging es den deutschen Pionieren der Automobilität nicht anders als gut 50 weiteren Tüftlern, die die Entdeckung des Autos für sich beanspruchten, sei es mit Dampf (Richard Trevithick mit "Puffing Devil" in England, 1801), mit Zweitakter nach Lenoir-Prinzip (Siegfried Marcus in Österreich, 1870) oder mit Elektroantrieb (Gustav Trouvè 1881 in Paris).
Kreative Techniker, die bestenfalls in ihrem Umfeld Anerkennung fanden; bis heute ist sogar unklar, ob sich Carl Benz und Gottlieb Daimler jemals persönlich getroffen haben. So dauerte es Jahre, bis Bertha Benz das Gefährt ihres Mannes durch eine Fernfahrt bekannt machte und die Pariser Weltausstellung die ersten Autos als Meilensteine der Mobilitätsgeschichte inszenierte.
Tatsächlich hatte niemand auf die Erfindung des Automobils gewartet - stattdessen beschäftigten das noch junge Massenverkehrsmittel der Eisenbahn und der rasche Ausbau des Schienennetzes die Bevölkerung und die Presse. Pferde, Fuhrwerke und das Fahrrad bestimmten das Bild des Individualverkehrs, das sich selbst bewegende Fahrzeug mit Benzinmotor rückte nur allmählich ins öffentliche Bewusstsein. Dazu passte, dass Carl Benz und Gottlieb Daimler keine Werbung machten für ihre Vehikel, die vorerst dem Vergnügen weniger reicher Bürger dienten.
Während Züge lange Distanzen zuverlässig und pünktlich überwanden, mussten sich die frühen Automobilisten das Benzin aus Apotheken in Flaschen besorgen, und auch um den pannenfreien Betrieb, der bis zwei PS starken Fahrzeuge war es schlecht bestellt. Faktoren, die dem frühen Auto den Ruf des Vehikels für Risikofreudige und Sportler einbrachte. Tatsächlich sollten erste Motorsport-Veranstaltungen ab 1894/95 die Entwicklung der Motorwagen massiv beschleunigen - zuvor war es jedoch im August 1888 eine 106 Kilometer lange Fahrt von Mannheim nach Pforzheim und retour, die dem Benz Patent-Motorwagen Modell 3 Popularität einbrachte.
Bertha Benz wagte mit ihren Söhnen diese Reise ohne Wissen ihres Manns Carl, mit Erfolg: Die Zeitungen berichteten enthusiastisch über die Testfahrt, und manche Frauen inspirierte diese Pioniertat zu mehr Selbstbewusstsein. So gab es ab der Jahrhundertwende erste Chauffeusen mit Fahr- und Fachkenntnissen, die allein reisende Damen begleiteten, wenn diese mit vorläufig gesellschaftlich üblichen männlichen Chauffeuren auf Fahrten gingen.
Zurück ins Jahr 1888: Benz fand nun neue Abnehmer für seine Wagen und bereitete seinen Auftritt bei der Pariser Weltausstellung von 1889 vor. Dort, im Schatten des neuen, futuristischen Eiffelturms, bescherten Benz und Daimler - erneut unabhängig voneinander - dem Automobil mit Benzinmotor den endgültigen Durchbruch.


