W statt X? Europäer planen neues soziales Netzwerk - T-Online
W Social: Anna Zeiter stellte in Davos das europäische Netzwerk vor. (Quelle: Screenshot LinkedIn/Peter Metzinger)VorlesenAktuelle Zeit:0:00Gesamtdauer:0:001xArtikel teilenEuropa braucht eigene digitale Lösungen und Unabhängigkeit von den USA, heißt es immer häufiger. Investoren aus der Klimaschutz-Szene kündigen einen europäischen Ersatz für Elon Musks Plattform X an.
Die Musik zum Start war düster. Auf der Leinwand stand "Something is broken" ("Etwas ist kaputt") – die ersten Worte einer Präsentation zum Zustand sozialer Netzwerke. Im Saal in Davos saßen Menschen, die auf Besserung hoffen. Dazu lief: "Another Brick in The Wall" von Pink Floyd, ein Song, in dem es um von Ziegelsteinen eingemauerte Gefühle geht.
Von einer solchen Besserung für all jene, die sich auf Plattformen wie X und Facebook nicht mehr wohlfühlen, sprach die Frau auf der Bühne: ein neues soziales Netzwerk nach europäischen Regeln und auf europäischen Servern. Früher war Anna Zeiter als Chief Privacy Officer bei der Plattform eBay für den Schutz privater Daten zuständig. Heute ist die deutsche Juristin Geschäftsführerin bei W Social und sagt: "Wir sind überzeugt, dass ein dringender Bedarf an einer Plattform besteht, die in Europa entwickelt, verwaltet und gehostet wird."
Bisher ist das Netzwerk vor allem ein Versprechen mit prominenten Mitstreitern und europäischen Investoren. Geldgeber für Klimaschutz-Investitionen wollen ein besseres Klima des Austauschs für Nutzer und Medienunternehmen auf W Social (gesprochen "Dabbelju Soschel"). Davon gibt es bisher nur eine Seite wsocial.eu mit einer Weltkarte der Standorte sozialer Netzwerke. Europa ist als weißer Fleck umkreist. Unter einer Begrüßung "Hi friend of Europe" steht ein Eingabefeld für einen Einladungscode. W ist noch nicht öffentlich. t-online erklärt, was bislang über das Netzwerk bekannt ist – und wann es starten soll.
wsocial.eu: Auf der Startseite prangt bisher eine Karte, die zeigt, woher die großen Netzwerke kommen. Es gibt bisher keines aus Europa. (Quelle: Screenshot)Nutzer sollen Identität verifizieren müssenDie Idee: In Unterlagen zum Projekt und öffentlichen Statements betonen die Macher Transparenz, Datenschutz und Verantwortung für den öffentlichen Diskurs. W soll zum einen für "Wir" stehen, zum anderen aber auch zusammengesetzt sein aus zwei V für "Values" (Werte) und "Verified" (verifiziert).
Geworben wird mit der Ankündigung "Trust your feed" – mit einem Nachrichtenstrom, dem Nutzer wieder vertrauen können. Ein zentrales Versprechen dazu ist "Human Verification": Nutzer sollen echte Menschen sein, automatisierte Accounts und Bots keinen Platz haben. "Das ist besonders wichtig in Zeiten, in denen demokratische Werte zerfallen", so Zeiter in einem auf YouTube übertragenen Gespräch in Davos.
Die Verifizierung menschlicher Nutzer soll ausschließen, dass Bots oder Fake-Profile massenhaft Diskurse beeinflussen. Wie der Prozess läuft, ist noch nicht im Detail öffentlich. Nutzer sollen aber weitgehend ihre Daten selbst verwalten können. Das und die Einhaltung europäischer Datenschutzrichtlinien sollen verhindern, dass Informationen über Nutzer gesammelt werden, um sie zielgenau mit Werbung zu adressieren und "sie zu manipulieren", so Zeiter.
Vorgesehen ist den Ankündigungen zufolge auch, dass Nutzer selbst einstellen können, wie ein Algorithmus ihnen Postings einspielt. Sie können Beiträge nur aus der eigenen Filterbubble bekommen, einen Anteil anderer Postings oder die volle Bandbreite.
In der Ankündigung hört es sich so an, als wolle W Social Inhalte- und Medien-Anbieter finanziell erheblich beteiligen. Während X Erlöse verteilt, wenn Inhalte dafür angemeldeter Nutzer Reichweite erzielen, will W Social Erlöse für Inhalte teilen, ohne auf Empörungslogik zu setzen. In der Präsentation spricht Zeiter ausdrücklich von "trusted, high-quality journalism" (von vertrauenswürdigem Qualitätsjournalismus), der durch das Modell gefördert werden solle. Mit einem Partner-Modell, das dem Musikstreamingdienst Spotify ähnelt, sollen bis zu 70 Prozent der Erlöse an Verlage und Anbieter von Inhalten ausgeschüttet werden.
Der Zeitplan: Beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos wird das Netzwerk auch deshalb präsentiert, weil 1.000 "VIP-Leaders" gewonnen werden sollen, um von Anfang an dabei zu sein. Im zweiten Quartal des Jahres ist eine weitere Runde vorgesehen, um neue Nutzer aufzunehmen. Im Sommer sollen Medien gezielt geworben werden, und am Jahresende soll W Social für alle Nutzer zugänglich sein.
Das Umfeld: X hat wiederholt erklärt, sich europäischen Regeln nicht unterwerfen zu wollen. Zugleich bekommen die Netzwerke große Rückendeckung von der US-Regierung, die Regulierung als Einschränkung der Meinungsfreiheit darstellt. International zeigt sich der Konflikt auch an konkreten Fällen: In Brasilien etwa wurde ein Richter, der eine Sperrung von X angeordnet hatte, von den USA sanktioniert. Ähnlich erging es der Führung der deutschen Organisation HateAid, die Betroffene von Hasskampagnen unterstützt und als zertifizierte Meldestelle mutmaßlich strafbare Inhalte an Ermittlungsbehörden weiterleitet.
X hat parallel die Zahl seiner Moderatoren in Europa von rund 2.300 im November 2023 auf 1.352 im Oktober 2025 zusammengestrichen und früher gesperrte Nutzer wieder zugelassen. Parallel sinkt die Zahl der Nutzer von X in Europa deutlich. Der jüngste Transparenzbericht im Oktober 2025 meldete zwar eine leichte Erholung, insgesamt hat Musk aber in Europa jeden fünften Nutzer verloren. Deutsche waren vergleichsweise treu.
Die Macher: Die organisatorischen Fäden laufen in Schweden zusammen. Dort ist im vergangenen Jahr das Unternehmen W Social AB gegründet worden, und dort sitzt das Mutterunternehmen We Don't Have Time AB. Das ist ein Crowd-finanziertes Medien- und Plattformunternehmen. Es wird von einer gleichnamigen Stiftung kontrolliert und zählt nach eigenen Angaben mehr als 750 Investoren aus rund 15 Ländern. Bisher ist We don't have time vor allem dafür bekannt, große Klimainvestitionen unterstützen zu wollen. Als "Partner" werden das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) oder die Naturschutzorganisation WWF geführt, aber auch Konzerne wie Ikea, Scania oder Ericsson. Der Umsatz 2024 lag allerdings lediglich im einstelligen Millionenbereich.
Gegründet wurde We don't have time vom schwedischen Börsenspezialisten Ingmar Rentzhog. Rentzhog ist auch P-Manager und geriet vor Jahren durch Werbung mit Greta Thunberg in die Schlagzeilen. Er musste eingestehen, dass er Thunberg noch nutzte, als die Kooperation nach ihren Angaben schon beendet hatte. Er ist auch Vorsitzender des Verwaltungsrats bei W Social.
Für sein Advisory Board, ein Beratungsgremium, hat W Social prominente Namen gewinnen können. Philipp Rösler, früherer FDP-Politiker und Vizekanzler, gehört ihm an, sowie Sandrine Dixson-Declève. Die belgische Energie-Expertin war bis 2024 Präsidentin des Club of Rome, der seit Jahrzehnten als prägende Stimme in der globalen Debatte über Klimapolitik und nachhaltige Entwicklung gilt. Vertreten ist im Beraterbeirat auch die EuroStack-Foundation durch ihre Leiterin Cristina Caffarra. EuroStack will durch koordinierte Industrieaktionen die digitale Souveränität Europas vorantreiben und wird von mehr als 300 europäischen CEOs unterstützt. Zeiter: "Mit EuroStack holen wir die Techwelt" – so sollen dort Mitstreiter auf breiter Ebene gefunden werden.
Die Perspektive: Bislang kommt die Anschubfinanzierung in erster Linie von Ingmar Rentzhog und aus seinem Umfeld. Im Laufe des Jahres ist eine Finanzierungsrunde geplant. Das Projekt ist eine Initiative aus der Wirtschaft, eine Unterstützung durch die EU-Kommission oder nationale Regierungen ist bisher nicht bekannt.
Erst am Montag haben aber 54 Abgeordnete des Europäischen Parlaments aus verschiedenen politischen Lagern europäische Alternativen zu den dominanten Social-Media-Plattformen gefordert. Sie appellierten an Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und die EU, "in private europäische Initiativen zu investieren, die einheimische Innovationen im Bereich der sozialen Medien unterstützen [und] die Entwicklung von nutzerorientierten, in europäischem Besitz befindlichen Plattformalternativen zu ermöglichen".
Mit-Initiatorin des Appells ist die deutsche Grünen-Europaabgeordnete Alexandra Geese, die auch den Digital Services Act (DSA) mitverhandelt hatte. Kontakt mit den Verantwortlichen von W Social habe es noch nicht gegeben, sagte sie t-online. "Es freut mich, dass es verschiedene Initiativen mit verschiedenen Ansätzen gibt." Die Umstände seien günstig: "In der Kommission ist nach meinem Eindruck auch das Bewusstsein vorhanden, dass europäische Netzwerke eine hohe Priorität haben."
"Lass das sacken": Nach dem Twitter-Kauf spielte Elon Musk 2022 mit der Doppeldeutigkeit des Satzes: "Let that sink in". Sink bedeutet auch Waschbecken, er trug eines in die Firmenzentrale. (Quelle: Screenshot twitter.com)W-Social-Chefin Zeiter sieht zumindest dort schon mal Multiplikatoren: "Wenn das politische Brüssel auf W postet statt auf X, haben wir schon viel gewonnen", sagt sie.
Nutzern müssten zudem "robuste Portabilitätsrechte für ihre Beiträge, Verbindungen und Interaktionen garantiert werden". Das bedeutet, dass Nutzer zum Beispiel ihre alten Beiträge aus einem anderen Netzwerk leicht mitnehmen können. Ist dies nicht gewährleistet, hält es Nutzer oft von einem Wechsel ab: Sie wollen in einem neuen Netzwerk nicht bei null anfangen.
Ein zentrales Hindernis für neue soziale Netzwerke sind auch sogenannte Netzwerkeffekte. Der Nutzen einer Plattform steigt mit der Zahl ihrer Nutzer – weshalb etablierte Anbieter wie X oder Facebook selbst bei wachsender Unzufriedenheit schwer zu verdrängen sind. Neue Angebote stehen vor dem Problem, dass sie erst dann attraktiv werden, wenn viele Menschen sie nutzen. Ist das noch nicht der Fall, zögern viele, sich einen Account anzulegen. Das haben andere neue Netzwerke bereits zu spüren bekommen.
Bluesky oder Mastodon etwa haben zwar überzeugte Nutzer, und mehrfach sind auch Prominente, Institutionen und auch Bundesliga-Klubs schlagzeilenträchtig von X zu ihnen gewechselt. Viele Nutzer haben den Abschied von X dann aber nicht durchgehalten.
Der Vorteil der Alternativen ist, dass sie auf einem offenen Protokoll basieren. Das bedeutet, dass Nutzer über die verschiedenen Apps sogar plattformübergreifend miteinander kommunizieren können und ihre Nutzer-ID für verschiedene Netzwerke eingesetzt werden kann. Bluesky hat dieses AT-Protokoll entwickelt, das andere Netzwerke nutzen können. Es gibt bereits ein Fediverse, einen Zusammenschluss voneinander unabhängiger sozialer Netzwerke mit gemeinsamen Schnittstellen. Bluesky selbst setzt aber amerikanische Infrastruktur ein, auf die US-Behörden leicht zugreifen können. Ob W Social ebenfalls ein offenes Protokoll nutzen wird, ist bisher nicht bekannt, Offenheit ist aber als Prinzip angekündigt.
Wie die Erlöse von W Social erwirtschaftet werden sollen, ist bisher öffentlich nicht bekannt. Klar ist aber: W Social will sich nicht allein als Diskussionsplattform verstehen, sondern auch als Infrastruktur für Medien, die unter den bisherigen Plattformregeln an Sichtbarkeit und Einnahmen verloren haben. Und: Ein vertrauenswürdiges Umfeld könnte auch für Werbung von Unternehmen attraktiv sein, die X den Rücken gekehrt haben.


