Warum Tschechien einen fiktiven Erfinder verehrt

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Was den USA der Erfinder Bell, ist den Tschechen Jara Cimrman. Auch er hat bahnbrechende Erfindungen vorzuweisen, wie etwa den Teller mit Stöpsel. Oder ist das doch nur alles erfunden? Danko Handrick über ein Mysterium, das viel über Tschechien erzählt.

Erdachtes Genie Warum Tschechien einen fiktiven Erfinder verehrt Stand: 30.09.2026 • 07:59 Uhr

Was den USA der Erfinder Bell, ist den Tschechen Jara Cimrman. Auch er hat bahnbrechende Erfindungen vorzuweisen, wie etwa den Teller mit Stöpsel. Oder ist das doch nur alles erfunden? Über ein Mysterium, das viel über Tschechien erzählt.

Es soll sich genau so zugetragen haben: Als Alexander Graham Bell sein erstes Telefon konstruierte, fand er auf dem Apparat bereits drei verpasste Anrufe aus Böhmen. Am anderen Ende der Strippe: ein gewisser Jara Cimrman. Nur einer von vielen Geniestreichen, die von dem tschechischen Universaltalent überliefert sind.

Doch dieser Cimrman hatte auch ein Auge für die kleinen Probleme des Alltags. Für Menschen, die keine dünne Suppe mögen, erfand er einen Teller mit Stöpsel: Zieht man ihn heraus, läuft das Flüssige einfach ab. Und das von ihm entwickelte tragbare Wanderzeichen macht es selbst im dichtesten Wald unmöglich, vom markierten Weg abzukommen.

Vor 60 Jahren tauchte Jara Cimrman erstmals in einer tschechischen Radiosendung auf. Bald darauf beschäftigte er schon ein ganzes, nach ihm benanntes Theater, das die Figur popularisierte. In absurd-pseudowissenschaftlichen Seminaren werden hier immer neue Belege aus einem Leben vorgelegt, das es nie gegeben hat. Und das seit inzwischen sechs Jahrzehnten, immer vor ausverkauftem Haus.

Unentbehrlicher Begleiter des Stöpsel-Tellers: Cimrmans Suppenlöffel mit Loch.

Dass Cimrman trotz all seiner Leistungen kaum bekannt wurde, gehört zu seiner Geschichte. Glühbirne, Telefon, Eiffelturm: Überall soll er seine Hand im Spiel gehabt haben, überall heimsten andere den Ruhm ein.

Vlastimil Plechac hat dem böhmischen Tausendsassa in seiner fiktiven Heimatregion am Fuße des Riesengebirges ein ganzes Museum gewidmet. Er erkennt in Cimrman auch einen typisch tschechischen Zug: "Wir Tschechen sind immer Experten für alles - Fußball, Hockey, egal was. Wir blicken überall durch und können überall mitreden. Das ist vielleicht auch eine Eigenschaft, die wir von Cimrman geerbt haben."

Immer auf dem richtigen Weg - mit dem tragbaren Wanderzeichen von Jara Cimrman.

Ein Foto von Cimrman gibt es folglich nicht. Auch Büsten von ihm lassen mit stark weggeschmolzenen Zügen offen, wie er ausgesehen haben könnte. Den Mann ohne Gesicht verkörpern dagegen Menschen, die man kennt: unter ihnen der Schauspieler und Autor Zdenek Sverak, international bekannt durch den Oscar-prämierten Film "Kolya".

Sverak sieht in Cimrman mehr als eine Sammlung komischer Erfindungen. Er sei der Pechvogel der Nation, die Verkörperung aller bequemen Ausreden für das eigene Scheitern. "Wenn man uns nur in Ruhe machen lassen würde, wenn wir nicht eingeklemmt wären zwischen den Deutschen im Westen und den Russen im Osten, dann wären wir auch eine große Nation. Weil es aber so ist, haben die anderen die Erfolge und wir sind eben klein geblieben." Der Witz trifft also auch jene, die ihn erzählen.

Irgendwie ein Mann ohne Konturen, und trotzdem ist Cimrman für die Tschechen eine reale, vertraute Figur.

Wie sehr die Tschechen Cimrman lieben, zeigte sich im Jahr 2005. Bei einer Fernsehumfrage zum "größten Tschechen" lag Cimrman zunächst klar vorn. Als fiktive Figur wurde er dann aber ausgeschlossen. Für die Tschechen bleibt Cimrman trotzdem der eindeutige Sieger - der größte Tscheche aller Zeiten, und trotzdem einer wie Du und ich.

Die Figur habe viel von der tschechischen Mentalität, sagt ein Cimrman-Fan: "Einerseits wären wir gerne die Allergrößten, andererseits können wir uns dabei auch über uns selbst lustig machen."

Dabei ist der fiktive Jara Cimrman schon längst im ganz realen Leben angekommen. An vielen Orten gibt es Gedenktafeln, Straßen sind nach ihm benannt und die tschechische Post widmete dem "Erfinder der runden Briefmarke" eine ebensolche.

Und in Prag trägt eine Schule ganz offiziell und amtlich seinen Namen. Humor sei wichtig im Leben, und an der Jara-Cimrman-Schule beginne der Spaß eben schon beim Namen über dem Hauptportal, sagt Direktor Tomas Zahor. Er muss immer wieder erklären, dass es die Schule wirklich gibt. "Andere Leute glauben zunächst oft gar nicht, dass unsere Schule tatsächlich so heißt. Sie halten das für einen Scherz. Aber sobald es Stempel und Unterschrift gibt, nehmen sie uns schon ernst."

Lernen fürs Leben - eben auch mit der Cimrman'schen Erkenntnis, dass man manches vergessen darf.

Auch Cimrmans Pädagogik hat dort ihren Platz. Mathematiklehrerin Jitka Sokolova nutzt seine "Methode der durchfließenden Informationen": Nicht alles, was Schüler lernen, müssen sie behalten. Manches darf ungehindert durch ihre Köpfe hindurchfließen.

Vielleicht ist das die beste Erklärung für Cimrmans Erfolg. Das Große und das Kleine reichen sich in seinen Erfindungen die Hand. Und Cimrmans Landsleute haben mit ihm eine Kunst perfektioniert: die eigenen Schwächen und Unzulänglichkeiten mit einem Augenzwinkern zu nehmen.

Danko Handrick berichtete für die ARD von 2008 bis 2014 und wieder seit 2019 aus Prag. Mit diesem Text verabschiedet er sich aus der tschechischen Hauptstadt.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | Europamagazin | 27.09.2026 | 12:45 Uhr

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https://www.tagesschau.de/ausland/europa/tschechien-cimrman-100.html
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